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Europastimme Nr.6 2012 online

2012-06-Europa-StimmeFriedensnobelpreis für die EU


Gewiss, man denkt in diesen Wochen und Monaten, wenn man „EU“ hört, eher an Krise und Schulden. Aber: Noch nie in der langen, oft blutigen Geschichte der Völker auf dem europäischen Kontinent gab es so viel Freiheit und Chancen, so wenig Kriegsgefahr und trennende Grenzen, so viel Frieden wie heute. Das halten viele für selbstverständlich, es ist aber ein Verdienst einer Idee, die sich zuerst in der EWG, dann in der EG und schließlich in der EU manifestiert hat.

Es ist nicht alles gut in Europa. Aber es ist sehr vieles sehr viel besser als jemals zuvor. Und deswegen ist die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees richtig. Die Europäische Union hat Frieden gefördert und gesichert und ist selbst ein Symbol für eine bessere, gedeihlichere Art des Zusammenlebens. Im Sinne des Versprechens, das im Wort „Union“ steckt, stehen die Europäer auch für die Zukunft in der Pflicht. Der Preis ist auch als eine Ermutigung in schwierigen Zeiten gedacht. Er zeichnet also nicht nur Erreichtes aus, sondern will anspornen zu weiterem Bemühen. Das aber ist ein durchaus legitimes Anliegen - zumal in einer Zeit, in der viele Menschen die historische Dimension des europäischen Einigungsprozesses aus den Augen verlieren. Hier zum Download!

Alle berechtigte Kritik schmälert nicht die Errungenschaften der europäischen Integration. In ihrem Rahmen ist die deutsch-französische Aussöhnung gelungen. Die bahnbrechende Idee Jean Monnets, eine gemeinsame Behörde für Kohle und Stahl zu schaffen, die Montanunion, war kein wirtschaftliches Projekt, sondern in erster Linie ein politisches. Es wurde damit eine Gemeinschaftsorganisation geschaffen, die zum Ausgangspunkt eines Raumes gemeinsamen Rechts wurde: nicht Machtverhältnisse und Gewalt, sondern Rechtsbeziehungen sollten künftig die europäische Politik bestimmen.

Seither hat es auf dem Weg von der EWG über die EG in die EU eine immer weiter gehende Entwicklung gegeben. Das gilt für die Ausdehnung des europäischen Projekts für Frieden, Menschenrechte und Wohlstand durch Erweiterung, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus noch einmal einen gewaltigen Aufschwung erlebte. Das gilt aber auch für die Vertiefung der Zusammenarbeit, die gerade im Augenblick vor einer neuen Stufe steht.

Der Friedensnobelpreis ist immer auch eine Aufforderung. Im Fall der EU also zu mehr Kooperation, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit. Vor allem aber eine Aufforderung, dieses geniale, große Projekt Europäische Union nicht einfach vor lauter nationaler Egoismen und politischer Kurzsichtigkeit zu Grunde gehen zu lassen. Der Kern der Union ist nicht der Euro, sondern die Idee von einem sozialen Miteinander im Kleinen und einem nachhaltigen Wirtschaften im Großen. Wo sonst auf der Welt gibt es ein auch nur ansatzweise vergleichbares Projekt?

Auch für uns Europäische Föderalisten ist der Friedensnobelpreis eine Genugtuung, Wir haben uns für diese Friedensidee stark gemacht und Pionierarbeit für die Integrationsbemühungen geleistet, schon zu einer Zeit, als diese Ideen als utopisch erschienen. Ein Resümee zeigt aber, dass viele Forderungen der Europäischen Föderalisten inzwischen Realität geworden sind.